Sehen - Hören - Spüren: Adiyogi Shiva
1. Sehen
Betrachten Sie das Bild zunächst in Ruhe. Was zieht Ihre Aufmerksamkeit zuerst an?
2. Hören
Welche Stimmung entsteht beim Hören der Musik?
3. Spüren
Hat sich Ihre Wahrnehmung verändert? Welche Farbe oder Form ist Ihnen in Erinnerung geblieben?
4. Kalyanis Gedanken
Mit "Adiyogi Shiva" wollte ich ein Bild schaffen, das Ruhe und Kraft miteinander verbindet. Shiva erscheint hier nicht als ferne, unnahbare Gottheit, sondern als meditierender Yogi, der vollkommen in sich selbst ruht. Gerade dieser Gegensatz hat mich beim Malen besonders beschäftigt: Um ihn herum erheben sich schroffe Berge, Wasser fließt über den Shiva-Lingam, und zahlreiche kraftvolle Symbole umgeben ihn. Dennoch geht von Shiva selbst eine tiefe Stille aus.
Das Bild ist auf einer etwa 70 cm (Höhe) mal 60 cm (Breite) großen Leinwand in Acryl entstanden. Das große Hochformat habe ich bewusst gewählt. Shiva sollte den Bildraum deutlich ausfüllen und den Betrachtenden beinahe auf Augenhöhe begegnen. Gleichzeitig benötigte ich genügend Raum für die Berglandschaft, den Dreizack und den Shiva-Lingam. Das Format trägt dazu bei, dass der Blick zunächst zu Shiva und anschließend weiter nach oben in die Berge und in den Himmel geführt wird.
Die Inspiration zu diesem Werk stammt aus meiner Verbundenheit mit Yoga und meinen Erfahrungen mit der indischen Kultur. Shiva wird als Adiyogi, als erster Yogi, verehrt. Für mich verkörpert er einen Zustand innerer Sammlung: Er bleibt ruhig und gegenwärtig, auch wenn sich um ihn herum vieles bewegt. Diese Haltung empfinde ich als besonders wertvoll, weil sie daran erinnert, dass wirkliche Ruhe nicht davon abhängt, ob die äußere Welt still ist.
Beim Malen begann ich mit der Gestalt Shivas und seinem Gesicht. Sein Ausdruck war für mich der schwierigste und zugleich wichtigste Teil des Bildes. Der Blick sollte wach und aufmerksam wirken, aber nicht streng. Ich wollte weder Traurigkeit noch ein deutliches Lächeln zeigen, sondern eine stille Gelassenheit. Das Gesicht habe ich deshalb mehrfach verändert, bis ich das Gefühl hatte, dass sich Ruhe, Güte und innere Stärke darin miteinander verbinden.
Auch die Hände und die Gebetskette waren mir wichtig. Die Perlen stehen für Meditation, Wiederholung und Konzentration. Sie erinnern daran, dass innere Entwicklung häufig nicht durch einen einzigen großen Augenblick entsteht, sondern durch geduldiges Üben und die immer neue Rückkehr zur eigenen Mitte.
Die zahlreichen Symbole im Bild habe ich nicht nur als schmückende Einzelheiten verstanden. Der Dreizack, die kleine Trommel, die Schlange, die Mondsichel, das dritte Auge, der Shiva-Lingam und das herabfließende Wasser erzählen jeweils einen Teil der Geschichte Shivas. Zusammen erzeugen sie eine große Kraft. Deshalb musste ich während des Malens immer wieder darauf achten, dass diese Elemente die ruhige Ausstrahlung der Hauptfigur nicht überlagern.
Die Farbgestaltung entwickelte sich nach und nach. Die warmen Gold-, Braun- und Rottöne verleihen Shiva und dem Himmel Lebendigkeit, während Weiß, Violett und die hellen Bergflächen eine kühlere, fast entrückte Atmosphäre schaffen. Besonders reizvoll fand ich den Gegensatz zwischen der Wärme der Figur und der Kälte der verschneiten Bergwelt. Dadurch wirkt Shiva für mich zugleich als Teil der Landschaft und als eine Gestalt, von der eine eigene innere Wärme ausgeht.
Die Berglandschaft erinnert an den heiligen Berg Kailash, der eng mit Shiva verbunden ist. Beim Malen wollte ich jedoch keine geografisch genaue Landschaft darstellen. Die Berge sind vielmehr ein innerer Ort: weit entfernt vom Lärm des Alltags, klar und still. Sie stehen für den Weg nach innen und für die Herausforderung, die eigene Ruhe auch unter schwierigen Bedingungen zu bewahren.
Während der Entstehung wurde das Bild immer detailreicher. Einige Symbole waren von Anfang an vorgesehen, andere fanden erst später ihren Platz. Dadurch entstand ein längerer Prozess, in dem ich immer wieder Abstand von der Leinwand nahm und mich fragte, ob das Bild noch atmen kann. Gerade bei einem Werk mit vielen bedeutungsvollen Elementen war es mir wichtig, zwischen Fülle und Ruhe ein Gleichgewicht zu finden.
Heute bedeutet "Adiyogi Shiva" für mich vor allem die Erinnerung an eine Kraft, die aus der Stille entsteht. Shiva muss sich nicht bewegen, um Stärke auszustrahlen. Seine Ruhe ist nicht passiv, sondern wach, konzentriert und lebendig. Wenn Menschen das Bild betrachten, wünsche ich mir, dass sie nicht nur seine Symbole entdecken, sondern für einen Moment auch etwas von dieser inneren Sammlung spüren.
5. (Klassische) Bildbeschreibung
In ihrem Gemälde "Adiyogi Shiva" zeigt Kalyani den Gott Shiva in seiner Rolle als meditierenden Asketen und spirituellen Lehrer. Der Titel Adiyogi bedeutet sinngemäß "der erste Yogi" und verweist auf eine Tradition, in der Shiva als Ursprung yogischer Erkenntnis und Meditation verstanden wird. Kalyani stellt ihn inmitten einer mächtigen Gebirgslandschaft dar, die an den Himalaya und den heiligen Berg Kailash erinnert – jenen Ort, der in der hinduistischen Überlieferung eng mit Shiva verbunden ist.
Shiva sitzt ruhig auf einem Tigerfell, die Beine gekreuzt und den Blick leicht nach innen gerichtet. Zahlreiche traditionelle Attribute machen ihn unmittelbar erkennbar. Auf seiner Stirn befinden sich die drei waagerechten Linien, das Tripundra, und in ihrer Mitte das dritte Auge. Dieses steht für eine Wahrnehmung, die über das unmittelbar Sichtbare hinausgeht, und wird mit Erkenntnis und spiritueller Einsicht verbunden. Auch die Mondsichel in seinem aufgebundenen Haar gehört zu den charakteristischen Kennzeichen Shivas.
Links neben ihm erhebt sich der Trishula, der Dreizack Shivas. An ihm ist die kleine sanduhrförmige Trommel Damaru befestigt. Beide gehören zu den bekanntesten Symbolen des Gottes. Der Dreizack verweist auf Shivas umfassende göttliche Macht, während der Rhythmus der Damaru in der hinduistischen Bildsprache mit Schöpfung und kosmischer Bewegung verbunden wird. Die Schlange, die sich neben seinem Hals aufrichtet, verstärkt den Eindruck von Wachsamkeit und beherrschter Kraft. Mehrere Gebetsketten erinnern zugleich an Askese, Meditation und die Abkehr von äußerem Besitz.
Eine besondere Stellung nimmt der rechts dargestellte Shiva-Lingam ein. Der Lingam ist eine der wichtigsten nicht gegenständlichen Darstellungsformen Shivas und wird als Zeichen seiner göttlichen und schöpferischen Kraft verehrt. Kalyani hebt ihn durch seine Größe und die helle, beinahe fließende Umhüllung deutlich hervor. Über ihm erscheint erneut Shivas drittes Auge mit den drei waagerechten Linien. So entsteht innerhalb des Bildes eine Verbindung zwischen Shiva in menschlicher Gestalt und seiner abstrakten, symbolischen Form.
Die warmen Erd-, Gold- und Rottöne stehen in einem spannungsvollen Gegensatz zu den hellen Gipfeln der Gebirgslandschaft. Shiva wirkt dadurch zugleich erdverbunden und entrückt. Trotz der Vielzahl religiöser Symbole strahlt die Szene keine Unruhe aus: Die zentrale Figur bleibt vollkommen gesammelt. In einer Hand hält Shiva eine Gebetskette, während ein Gefäß in der anderen die asketische Einfachheit seiner Lebensweise unterstreicht.
Kalyanis "Adiyogi Shiva" ist damit nicht nur die Darstellung einer hinduistischen Gottheit, sondern auch ein Bild über Meditation, Konzentration und die Suche nach innerer Erkenntnis. Shiva erscheint als ruhender Mittelpunkt einer von gewaltigen Kräften geprägten Welt. Das Gemälde erinnert daran, dass Stärke nicht allein in äußerer Bewegung liegt, sondern ebenso in Stille, Selbstbeherrschung und der Fähigkeit, den Blick nach innen zu richten.
Unter dem Künstlernamen Kalyani präsentiert die Malerin Svitlana Shapovalova aus der Nähe von Kiel farbenreiche Werke voller Ruhe und Spiritualität. Ihre familiären Wurzeln liegen in Russland und der Ukraine, während Norddeutschland seit vielen Jahrzehnten ihr Zuhause ist. Inspiration findet sie vor allem im Yoga, in zahlreichen Indienaufenthalten und in der indischen Kultur. Ihre Bilder erzählen von Harmonie, Bewegung, innerer Balance und Lebensfreude. Seit 2022 signiert sie ihre Werke mit "Kalyani", einem Namen aus dem Sanskrit, der unter anderem "die Segensreiche" bedeutet.